FRAU SCHMIDT FÄHRT ÜBER DIE ODER

Von Anne Habermehl am Hans Otto Theater Potsdam

PREMIERE18. September 2022

 

RBB Kultur am 18.9.2022

von Barbara Behrend
 

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_morgen/archiv/20220919_0600/fruehkritik_0745.html
 

Tagesspiegel 18.9.2022

von Anne Pries-Tröger

Dieser Theaterabend beginnt und endet auf einer Intensivstation. Dort stirbt gerade Susanne Schmidt, deren kurzes Leben 1959 in Polen begann und 2021 in Bayern endete. „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“, schrieb William Faulkner 1951. Christa Wolf nahm diesen Satz 1976 in „Kindheitsmuster“ auf und setzte hinzu: „Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“

Diese Sentenzen könnte man auch Anne Habermehls Stück „Frau Schmidt fährt über die Oder“, das am Wochenende in der Reithalle des Hans Otto Theaters zur Premiere kam, voranstellen. Mit dem Unterschied, das der 1981 geborenen Autorin Habermehl inzwischen etablierte Begriffe wie transgenerationale Weitergabe beziehungsweise Kriegskinder und –enkel zur Verfügung stehen, die die Folgen der massenhaften Traumatisierungen besonders infolge des 2. Weltkrieges beschreiben.  

Die Inszenierung von Marlene Anna Schäfer findet in einem Raum, der wie ein Wartesaal anmutet, statt. In 100 Minuten wird das Leben von Susanne Schmidt in zahlreichen Rückblenden wie im Telegrammstil erzählt. 1945-1990-2003-2021 sind dessen Eckpunkte und Brüche. 1945 steht für das Kriegsende, das ihren Vater traumatisierte.

Nach dem Mauerfall 1990 verlässt die geborene Deutsche Polen in Richtung Westen, bringt in Bayern ihre einzige Tochter zur Welt, die ihrerseits 2003 ihre Mutter verlässt. Sie, die 1990 euphorisch ins vereinigte Deutschland aufbrach, ist dort nie wirklich angekommen – das ist das bittere Fazit der atmosphärisch dichten Inszenierung, die auch mit Videoprojektionen arbeitet.

Janine Kreß und Charlott Lehmann verkörpern die beiden starken und dabei doch so fragilen Frauen. Lehmann spielt die junge Susanne und dann später auch ihre jugendlich aufmüpfige Tochter Annemarie. Beiden steht eigentlich die ganze Welt offen. Wären da nicht die übernommenen Traumatisierungen bei der Mutter, die ihrerseits zu unbeabsichtigten Verhaltensweisen und diese wiederum zu neuen Traumata führen.

Am prägnantesten ist das in der Mutter-Tochter-Beziehung herausgearbeitet. In der Familie ist – wie in vielen Familien diesseits und jenseits der Oder - wenig über die eigenen Kriegs-Verstrickungen gesprochen worden. Doch diese wirken nach und so gelingen Susanne Schmidt zum Beispiel keine guten tragenden Erwachsenen-Beziehungen. Und die zu ihrer Tochter wird von einer Umkehrung des Mutter-Kind-Verhältnisses geprägt, dem die 13-Jährige schließlich in die Jugendnothilfe entflieht.

Im Stück, das überwiegend aus Monologen besteht und doch in seiner auserzählten Breite wie ein Roman wirkt, gibt es mehrere Männerfiguren, die von Joachim Berger und Jan Hallmann verkörpert werden. Berger überzeugt sowohl als dementer Großvater, den die Kriegserinnerungen als Flashbacks überfallen als auch als suspendierter alkoholsüchtiger Pfarrer, der Susanne Schmidt als Einziger in ihren letzten Tagen beisteht. Jan Hallmann verkörpert eine nicht genauer bezeichnete Figur Micha, die sowohl als Opfer am Kriegsende aufscheint, als auch später ein Freund von Annemarie wird, oder als deutscher Neonazi an Susannes Tür klopft.

Insgesamt mutet „Frau Schmidt fährt über die Oder“ wie ein hochkomplexes Puzzle an, das danach schreit, besonders im Angesicht des Ukraine-Krieges, dass aus seinen vielen Einzelteilen endlich zusammenhängende Bilder zusammengesetzt werden.

 

DER FISKUS

Von Felicia Zeller am LTT Tübingen

PREMIERE 8. April 2022

von Moritz Siebert

Schwäbisches Tagblatt, 11.4.2022 

Qualifiziertes Durchwinken

Viel Tempo und Sprachkunst: Marlene Anna Schäfer inszeniert am LTT Felicia Zellers Stück „Der Fiskus“ sehenswert.

Von Moritz Siebert

Versetzt in die Besenkammer, das Telefon nach zehn Tagen immer noch nicht freigeschaltet: Bea Mtinnen (Susanne Weckerle) wurde abgesägt (oben). Die Kollegen an Drucker (Stephan Weber) und Aktenordner (Hannah Jaitner) plagen andere Probleme. Bild: LTT 

Und plötzlich ist es ganz still. Das Gequassel an Telefon und auf dem Flur verstummt, die Hektik weicht, die Blicke treffen sich. „Wir würden demnächst gerne mal Ihre Steuerunterlagen.“ Der Satz bleibt hängen: Wenn es um die Steuerunterlagen geht, fühlt sich jeder angesprochen. Und so gesehen ist der Schauplatz, das Finanzamt, prädestiniert fürs Theater. Was passiert hinter den Bürotüren, in den Pausenräumen und auf den Fluren? Was denken die Mitarbeiter über die eingereichten Erklärungen? Wie fallen die Entscheidungen? Prüfen die das jetzt wirklich alles, oder winkt da auch mal jemand was durch?

In „Der Fiskus“ beleuchtet Felicia Zeller viele Facetten der Finanzwelt, die sonst hinter Bürotüren verborgen liegt. Marlene Anna Schäfer inszeniert das Stück am LTT mit viel Tempo und Tiefe, humorvoll und ein bisschen hyperaktiv. Ohne so manches Finanzamt-Klischee, graue Gänge und Räume, Kopierer und Kaffeemaschine, Tacker und Bürogymnastik, geht das wohl nicht. Boden, Wände, Türen, Tische, Stühle, Kostüme: alles grau, in den unterschiedlichsten Tönen, der Graubereich ist hier groß. Und Farbtupfer gibt es nur wenige (Bühne und Kostüme: Jan Hendrik Neidert und Lorena Díaz Stephens).

Grau und uniform bleiben die Figuren aber nicht, auch wenn sie nur zögerlich aus ihrer begrenzten Welt treten, sie bekommen Farbe, sie haben Träume, erleben Schicksale – und ja, auch sie müssen ihre Steuererklärungen machen. Die Konstellation: Die Dienstälteste in der Abteilung Bea Mtinnen (Susanne Weckerle) ist zuverlässig („Das kann ich eigentlich gar nicht fassen, wie zuverlässig ich bin“) und deckt einen Steuerskandal auf. Die Beförderung bekommt aber die jüngere Kollegin Nele Neuer (Jennifer Kornprobst), die gute Rationalisierungsideen mitbringt, von einem Insta-Amt und einer Partnervermittlung nach dem Prinzip „Matching anhand der Kapitalertragssteueranträge“ träumt und eher zum Team „Qualifiziertes Durchwinken“ gehört. Fatma Tacker (Julia Staufer) ist eine engagierte Betriebsprüferin, die das Betriebsprüfen auch beim Zahnarzt nicht lassen kann. Schließlich das Paar Elfi Nanzen und Reiner Lös (Hannah Jaitner und Stephan Weber): Er ist nebenberuflich Singer/Songwriter, sie nebenberuflich Assistentin eines nebenberuflichen Singer/Songwriters. Sie freuen sich auf den ersten Kinderfreibetrag, dann kommt die Ehekrise.

Ziemlich zäsurlos knüpft Schäfer die Szenen mit Einblicken in Berufswelt und Privatwelt der Finanzbeamten aneinander, die immer sicher über das Steuerrecht miteinander verbunden sind. Da geht es um Lehrer („Beamten sind die schlimmsten“), die versuchen, alles von der Steuer abzusetzen. Um handschriftliche oder getackert eingereichte Dokumente und um die Grenzen zwischen „kann genehmigt werden“ und „müsste aber abgelehnt werden“. Das ist lustig, solange es um die kleinen Betrügereien der Kategorie „man kanns ja mal versuchen“ geht. Ernst wird es, wenn das Stück den Blick auf den Cum-Ex-Skandal lenkt. „Nein, die Kapitalertragssteuer darf grundsätzlich nur zurückerstattet werden, wenn sie bezahlt wurde.“ Die Hilflosigkeit, wie das Team mit seinem Skandal umgeht, ist bezeichnend. Diejenige, die ihn entdeckt, landet in der Besenkammer. Die Chefin möchte den Erfolg für sich verbuchen und träumt von der großen Karriere.

Der Stoff ist dankbar: Schließlich lässt sich jede Lebenssituation in irgendeiner Form im Steuerrecht abbilden. Und die Amtssprache, ob es sich nur um einzelne Vokabeln oder um präzise Beschreibungen, wann welche Steuerbegünstigung möglich ist, handelt, das ist ja schon Komik. Stück und Inszenierung nehmen das gerne auf. Aber es ist nicht der Kern. Die Sprache ist sehr kunstvoll und hat starke Wirkung. Kommunikationsformen wechseln, Textpassagen wiederholen sich, Sätze enden im Nichts oder lassen Lücken: Das zieht sich durchs Stück und sorgt für Atemlosigkeit und Unruhe, für ein Gefühl von Unvollständigkeit.

Und was wird aus dem Steuerexperten-Pärchen? Nun, die Trennung bedeutet für beide eine schlechtere Steuerklasse. Ein gewichtiges Argument dagegen.

Unterm Strich

Jede Lebenssituation lässt sich irgendwie im Steuerrecht abbilden, und was hinter den grauen Bürotüren im Finanzamt passiert, hat sich doch auch schon jeder mal gefragt. Der Stoff ist prädestiniert fürs Theater. Marlene Anna Schäfers Inszenierung des Stücks „Der Fiskus“ am LTT ist auf jeden Fall sehenswert.

 

VOR SONNENAUFGANG

Von Ewald Palmetshofer am Hans Otto Theater in Potsdam

PREMIERE 29. Oktober 2021

Märkische Allgemeine Zeitung, 1.11.2021 

So geht Gerhart Hauptmann heute

(...) Es ist mehr als legitim, dass der 43-jährige Österreicher Ewald Palmetshofer den Klassiker des Naturalismus überschrieben hat und so die handelnden Charaktere ins Hier und Heute hinüberrettet. Von der Regie erwartet er, dass auch Unausgesprochenes und Unaussprechliches zur Sprache gebracht werden. In seiner Fassung heißt es ausdrücklich: „Zeilen mit einem Strich (–) anstelle eines Textes stehen für Stille. Je mehr Zeilen, desto mehr Stille.“ Die Regisseurin setzt aber nicht auf Zeigefinger-Pausen, sondern auf ein gemächliches, suggestives Tempo. Sie adelt fast jeden Satz und jedes Argument mit einem Strich (–).

(...)

Dass die zweieinhalb Stunden am Ende nicht zu lang erscheinen, spricht für die Inszenierung und den konzentrierten Umgang mit der Sprache.

RBB vom 30. Oktober 2021

(Barbara Behrend)

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_morgen/archiv/20211030_0600/kultur_aktuell_0810.html

Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 30.10.21

(...)Mit der Entscheidung für die neue Textfassung hat das Hans Otto Theater viel richtig gemacht. Palmetshofer, Jahrgang 1978, hat Hauptmanns Klassiker von 1889 in eine aktuelle Kunstsprache gegossen, die alles andere als heutig ist: Das Vokabular ist im Heute verwurzelt, aber die Dialoge schweben immer ein paar Zentimeter über der Realität, verfremdet durch Pausen, Auslassungen, grammatikalische Verdrehungen. Und Ewald Palmetshofer macht Hauptmann das Geschenk, dessen schwächelnde oder schlichtweg unsichtbare Frauenfiguren von der Symbolebene in die Textebene zurückzuholen. Und wie! 

(...)

Womit wir bei den Frauenfiguren wären: Denn auch die kommen hier zu ihrem grollenden Recht. Hoffmanns schwangere Frau Martha kommt bei Hauptmann nicht vor, Ulrike Beerbaum macht sie in Potsdam zu einer Hauptfigur. Die Schwangere muss bei Hauptmann als stummes Symbol für mögliches Potenzial und dräuendes Unglück herhalten – hier reflektiert sie ihre Rolle selbst: „und mit dem Kind bring ich natürlich endlich dann mich selbst/ zur Welt/ so wie ich hätte sein solln“. Beerbaums Martha als spitzlippige, zynische, zarte, komische, aggressive Frau, die mit ihrer Beinahe-Rolle als Mutter hadert, ist ein Ereignis.

Vielleicht auch, weil die bewusst kosmische Dimension der Inszenierung von vorneherein schon entschieden hat, dass diese Welt eine kalte ist: Anfangs stehen alle da und starren wie Mondsüchtige ins Publikum, über ihnen ein bedrohlich großer Ball, der in der Bühne von Juan León von der Decke hängt. Mond oder Sonne? Jedenfalls nichts, das wirkt, als könnte es irgendjemanden jemals wärmen.

 

WOYZECK 
nach Gerhard Hauptmann am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

PREMIERE 23. Juni 2021

(coronabedingt verschoben vom 4. Dezember 2020)

WIESBADENER KURIER vom 25. Juni 2021

(Manuel Wenda)

(...) Das Publikum erlebte eine packende Stunde, die flirrende wie beklemmende Momente bereit hielt. Die Figuren kreisen umeinander, pantomimische Elemente fließen in die Darbietung. Spacige Klänge prägen die Hintergrundmusik- eine intensive Atmosphäre zwischen innerer Leere, Jahrmarktstimmung und Bedrohung setzt sich durch.
Das Ensemble vermittelt die Schönheit von Büchners Sprache: Wild ist sie, klar, von volkstümlicher Urwüchsigkeit und voller Sexappeal. (…)

Marlene Anna Schäfer macht sich den fragmentarischen Charakter des Stücks zunutze, die Performance des Ensembles ist fesselnd, schnell wechseln die Szenen. (…) Großer Beifall.

HR2 Kultur vom 28. Juni 2021

(Ursula May)

https://www.hr2.de/podcasts/ende-eines-versuchskaninchens,audio-54770.html?fbclid=IwAR2-coVVxUykU7lPMzwVQU7S1dpo2JGpTK6rSRleN_PNB8xHZHWIZJKea_w

(...)

[E]s gibt viele Licht und Szenenwechsel, Filmsequenzen und Soundelemente. Es ist rasant inszeniert, sehr abwechslungsreich. Sicher eine sehr gute Methode, um auch jüngere Menschen mit einem Klassiker vertraut zu machen: Woyzeck wird wie gesagt von Lukas Schrenk gespielt,  drei andere Schauspieler teilen sich die verschiedenen Rollen - also Marie und der Arzt zum Beispiel werden von Lena Hilsdorf gespielt, was so einen gewissen Verfremdungseffekt hat. Alos eine Inszenierung, die mit sparsamen Mitteln auskommt. Für mich der berührende Moment: Büchners Märchentext von dem armen Kind, das ganz allein auf der Welt ist, das umher irrt, unter anderem den Mond sucht, der ihm so freundlich zulächelt, aber als es ihn findet, ist es nur ein Stück verfaultes Holz. Das ist auch in Wiesbaden zu hören - und das ist für mich doch auch so eine Gänsehautmoment in dieser Inszenierung gewesen.  

DEUTSCHE FEIERN (UA)
von Lars Werner am Theater Münster

PREMIERE 10. Oktober 2020

(Eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt 2021)

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 15. Oktober 2020

(Alexander Menden)

Das junge, siebenköpfige Ensemble pumpt die expositionslastigen Dialoge mit so viele Energie und Spielfreude voll wie hineinpassen. Die Interviews, die Lara - Debütantin Marlene Goksch mischt in der Rolle glaubhaft Aufklärungsdrang und Aufstiegsehrgeiz - mit Joachim Foersters lächerlich selbstverliebten CEO Stefan führt, gehören zu den entlarvendsten und satirisch wirkungsvollsten Passagen ("Die anderen sehen nur ihren eigenen, völlig mit Idealismus verseuchten Teil!"). Regisseurin Schäfer hat sich für eine geradlinige Texteinrichtung entschieden, was bei einer Uraufführung meist die beste Wahl ist. 

 

NACHTKRITIK.DE

(Sascha Westphal)

Wie Fritz Habers Entdeckung hat auch Zoes und Jeromes Wunderdünger eine dunkle, Leben vernichtende Seite, auf die die Forscher*innen aufmerksam werden, als Menschen beginnen, eine an alle deutschen Haushalte verteilte CTRON-Probe wie eine Droge zu schnupfen. Plötzlich geht es nicht mehr um die Rettung des Planeten, sondern um das Geld, das sie alle mit dem Dünger verdienen könnten. Um das zu sichern, treffen sie eine Entscheidung, die eher aus dem Geist Fritz Habers als dem Clara Immerwahrs kommt. Allen guten Vorsätzen zum Trotz wiederholt sich die Geschichte doch. Die Tragödie wird in der Wiederholung zur bitteren, aber auch amüsanten Farce. Die hat Marlene Anna Schäfer ganz im Sinne des Stücks sehr temporeich inszeniert und mit einigen kleinen visuellen Extravaganzen garniert. 



Theater:Pur

http://theaterpur.net/theater/schauspiel/2020/10/muenster-deutsche-feiern.html

Regisseurin Marlene Anna Schäfer setzt Lars Werners Text mit traumwandlerischer Sicherheit szenisch um. Eine derart frappierende Kongruenz von Ausgangstext und Szene macht fast sprachlos. Denn Schäfer inszeniert nicht. Sie ist eher Choreografin, stellt ihre Personen mit uniformen Bewegungen auf die Bühne, schafft aber auch stets individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Eine durch und durch beseelte Darstellung eines Kollektivs.

 

Westfälische Nachrichten 

Aus alldem formt Lars Werner kein Bühnenreferat, sondern ein Theatervergnügen mit kabarettistischen Spitzen. (...)

Regisseurin Marlene Anna Schäfer lässt fünf aufgekratzte Figuren (Julian Karl Kluge, Rose Lohmann, Lea Ostrovskiy, Till Timmermann und Mariann Yar) an den Fäden jenes Stefan (Joachim Förster) tanzen, der sich nur scheinbar den eigenen Kollektiv-Spielregeln fügt (...) Foer­ster ist auch das Zen­trum der ulkigen Abstimmungs-Choreografien und Standbilder, mit denen die Regisseurin den gut 80-minütigen Abend anreichert. Widerpart dieses Helden, der doch noch andere Dinge will als die Welt retten, ist Journalistin Lara, die als Redakteurin der Spiegel-Jugendredaktion zufällig an die Story gekommen ist und damit auch eigene Vorstellungen verbindet: Marlene Goksch personifiziert sie glaubhaft in ihrer Entwicklung.

UND ES SCHMILZT

nach dem Roman von Lize Spit in einer Bühnenfassung für das Schauspiel Frankfurt 

PREMIERE 15. November 2019

FAZ vom 18. November 2019

"Die Frankfurter Inszenierung entfaltet einen Bilderbogen aus Erinnerungen. In quälenden Beigetönen, in denen Kostüme und Bühnenbild harmonieren, dümpeln die einen in dumpfer Langeweile vor sich hin, während die geschlechtsreife Jugend ihre Triebenergie in gefährliche Bahnen lenkt. Dafür findet die Regie eindringliche Bilder (…)

Dabei gewinnt die Frankfurter Produktion gerade aus ihrer realistischen Charakterisierung der Personen Wucht, Eindringlichkeit und eine verstörende Wirkung. Die Verwirrungen der pubertierenden Eva bringt Friederike Ott grandios zum Ausdruck. Dass die Darsteller der Jugendlichen älter als diese sind, sorgt allerdings ebenso für einen gewissen Verfremdungseffekt wie manche traumhaft-ritualisierten Szenen."

 

OFFENBACH-POST vom 18. November 2019

In einer überzeugenden Art ist es Marlene Anna Schäfer gelungen, den fünfhundert Seiten starken Roman derart auf eindreiviertel Stunden zu komprimieren, dass der Nährboden für das monströse Treiben in einer Welt, in der der Horizont einer Hoffnung gerade mal bis zur vollautomatischen Melkanlage reicht, fasslich wird.

Zum Schluss wird Eva, die Hinweise darauf sind schon früh gesetzt, ihrem Leben ein Ende setzen. Ihr lakonischer Ton findet in der erfreulich umsichtigen Inszenierung, die den vordergründig auf Betroffenheit spekulierenden Schockeffekt klug meidet, seine Entsprechung.

Frankfurter Rundschau vom 18. November 2019

"Ernsthaft Platz bekommt Friederike Ott und kann ihn nutzen. Sie ist Eva, die hier im Dorf aufwuchs, mit Gründen wegging und lange nicht wiederkam.(...) Ott dürfte das Alter von Eva zur Zeit der Rahmenhandlung haben, schlüpft aber in den Rückblenden überzeugend in das Kind zurück. Das Kind hat Probleme, um die es sich selbst und um die sich die anderen nicht kümmern. Alle (Über-)Konstruiertheit der Handlung ist in Otts Gesicht ganz einfach zu finden, in ihrer Verlegenheit, ihrem angestrengten, aber auch netten Lächeln und in ihrer aufmerksamen Hoffnung, doch bemerkt zu werden und für die anderen eine Rolle zu spielen."

 

NACHTKRITIK.DE

Was glückt, ist eine Inszenierung, die einen angreift, die einen verunsichert, die eigenständig neben Spits Roman bestehen kann.

DIE ARABISCHE NACHT

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG | 9. MAI 2019 | CHRISTIANE LUTZ



Zum Abheben

MarleneAnna Schäfer zaubertRoland Schimmelpfennigs Märchen "Die arabische Nacht" als poetischen, luftigenAbend auf dieBühne des Stadttheaters Ingolstadt

Dem winzigen Mann in der Flasche ist nicht mehr zu helfen, dem schlummernden Wüstenmädchen auch nicht. Hoffnungslos auch das Schicksal des bemitleidenswerten Kalil, der auf dem Weg zu seiner Geliebte Fatima ständig von lüsternen Frauen zum Koitus genötigt wird. Und dabei fing alles damit an, dass irgendwo im siebten Stock des Hochhauses eine Wasserleitung kaputt war, ausgerechnet im Sommer. Soweit das Setting in Roland Schimmelpfennigs "Die Arabische Nacht". Es gibt keinerlei zwingenden Anlass, ausgerechnet jetzt "Die Arabische Nacht" von Roland Schimmelpfenning auf die Bühne zu bringen, abgesehen davon, dass die Beschäftigung mit Schimmelpfennig nie eine schlechte Idee ist. Nichts an diesem poetischen, leicht rätselhaften Text ist drängend oder gar politisch. Das Stadttheater Ingolstadt wollte trotzdem eine "Arabische Nacht" haben, vermutlich wegen eben jener Poesie - und bekommt auch eine, feinsinnig inszeniert von Marlene Anna Schäfer. "Ich höre Wasser. Es ist keines da, aber ich kann es hören" - dieser erste Satz, gesprochen von dem Hausmeister Lomeier (Richard Putzinger) fasst das Stück schon recht hübsch zusammen. Sofort ist klar: Man muss sich hier auf das Ungezeigte einlassen. Die Geschichte, die sich um fünf Hochhausbewohner dreht, ist höchst zauberhaft: Franziska (Sarah Schulze-Tenberge) fällt jede Nacht in einen Dornröschenschlaf und träumt sich in einen Harem, in dem sie angeblich lebt, seit sie als Kind entführt wurde. Vom Zauber der Schlafenden angezogen, machen sich der Hausmeister Lomeier, der Gegenüber-Nachbar Karpati (Matthias Zajgier) und der genötigte Schwerenöter Kalil (Jan Beller) auf, einen Kuss von ihr abzustauben. Nur logisch, dass der Hausmeister sich selbst und das fehlende Wasser plötzlich in einer Wüste wieder findet, Karpati auf Minimalgröße in eine Cognacasche schrumpft und Fatima (Sarah Horak), Kalils Freundin, diesen mit dem Messer erledigt, als sie ihn mit Franziska erwischt. Nach seiner Uraufführung 2001 wurde das Stück als Kunstwerk gelobt und eifrig nachinszeniert, aber, glaubt man Kritiken, oft nicht sehr kunstvoll. Schimmelpfennig webt Monologe der fünf Figuren zu einem poetischen Erzählteppich, auf dem einige Inszenierungen berauscht hinfort ins Morgenland schwebten, während andere zu lesungsartigen Abenden erstarrten. Es geht um Eskapismus, sicherlich, aber auch um Alltag. Vielleicht um das Magische im Alltäglichen. So verliebt sich die Schlafende am Ende in den wenig prinzenhaften Hausmeister und der Flaschengeist, nun ja, zerschellt samt Flasche. Die Regisseurin Marlene Anna Schäfer fürchtet sich nicht vor der rätselhaften Magie des Stücks, gibt sich ihr aber auch nicht vollständig hin. Sie schafft kein Kitschmärchen, keine Groteske und keine Lesung, sondern ein poetisches, wohltemperiertes Spiel. Sie lässt den Worten Raum zum Atmen, wie auch ihre Bühne ein luftiger, von Plastikplanen umschwebter Ort ist, der Drinnen und Draußen zugleich sein kann, Wüste und Cognacasche. Die Ausstatter Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert kitzeln Hübsches aus dem Theaterraum, lassen Wasser aus einem Rohrgerüst von der Decke tropfen, senken es herab, senken den Bühnenboden komplett ins Untergeschoss. An einer Stelle zieht der Vollmond vorbei. Und immer wieder hört man Wasser plätschern (Klanginstallation: Olli Holland). Es ist da und ist doch nicht da. Die Schauspieler berichten nach vorn, ins Publikum hinein, von ihren persönlichen Strapazen dieser Nacht und sind doch von der Regie fein aufeinander abgestimmt. Sie berühren sich und berühren sich doch nicht. So kann sich Schimmelpfennigs unaufdringlicher Humor leicht entspinnen, ohne dass die Rätselhaftigkeit des Stücks verloren ginge. Ein Abend, so angenehm wie ein Teppichug ohne Turbulenzen.​

MENSCHEN IM HOTEL:

DIE DEUTSCHE BÜHNE | 25.11.2018  | ANDREAS FALENTIN

http://www.die-deutsche-buehne.de/Kritiken/Schauspiel/Vicki+Baum/Menschen+im+Hotel/Anspruchsvolles+Wohlfuehltheater?fbclid=IwAR1DmZyEI3wZBsoOCRad4xXlNkHaerojj9WjJHL_NpQfISQsI1UlOve6jbA

 

Richtig spannend wird es im letzten Drittel. Da hat die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer ihre Figuren durch die Handlung so miteinander verbunden, dass sie sie als homogene Reisegruppe durch die Erlebniswelt von „Menschen im Hotel“ tauchen lassen kann. Da fließen dann die Vielstimmigkeit der Romanform und die starke Atmosphäre des nächtlichen „Tanzes auf dem Vulkan“ ineinander zu anspruchsvollem, hochmusikalischem Wohlfühltheater. Das wird durch den Tod des Barons von Gaigern, einer Mischung aus Selbstmord und Totschlag im Affekt, abrupt beendet. Jeder ist wieder für sich, die Gruppeneuphorie gerinnt zum Stimmengewirr.

So hatte es auch begonnen, knapp 2 ½ Stunden zuvor, mit Stimmengewirr. Eine Überraschung war die Optik. Spielt „Menschen im Hotel“ bei Vicki Baum doch in den 20er-Jahren in einem Berliner Luxushotel. Fünf Menschen, zum Hoteldieb herabgesunkener Adliger, gealterte Ballettdiva, am geschäftlichen Abgrund balancierender Generaldirektor, lebenshungrige Sekretärin und todkranker Buchhalter begegnen sich dort auf verschiedensten Wegen, in Lobby und Bar, Schlafzimmer und Konferenzraum. Ein Traumschiff auf dem Trockenen, in dem sich nach und nach die Episodenstruktur zur Handlung verquirlt, eine klug gebaute Schmonzette in naseweisem Neue-Sachlichkeits-Ton. In Neuss nun sieht man davon konkret fast nichts. Die dunkel glänzende Bühne ist mit Kugellampen, einem sich drehenden, leuchtenden Werbeemblem und einer im Hintergrund, über ein paar Treppenstufen aufgehängten, kreisrunden Scheibe ausgestattet. Sonst keine Gegenständlichkeit, nirgends, nicht einmal ein Rezeptionstresen. Hauptvermittler der Exposition sind die Kostüme, für die, wie für das Bühnenbild, Marina Stefan verantwortlich zeichnet. Sie lassen durchaus an die 20er denken, aber nicht an die oberen Zehntausend, sondern an das Cabaret Voltaire in Zürich, den Urgrund des Dadaismus. Es herrscht keine konforme Repräsentativität, sondern individuelle Ausdruckslust. Der Baron von Gaigern etwa trägt zur dunklen Hose einen blau-weiße Ringelpulli und einen weißen Hut. Ein bisschen „Traumschiff“, ein bisschen „Dreigroschenoper“, vor allem aber jung und cool. Dr. Otternschlag, der Arzt mit dem im Krieg zerfetzten Gesicht, der immer in der Lobby sitzt und behauptet, dass eigentlich nie etwas passiert, hat kein vom Maskenbildner kunstvoll behandeltes Gesicht. Dafür ist sein kahler Kopf blutrot angemalt und sein Oberkörper komplett schwarz, mit einer kanalartigen Aussparung am Rücken, als wäre er von einer Explosion dauerhaft versengt worden. Und Direktor Preysing kommt ganz in Gold daher, mit schwarzen Rüschen und blondem Zopf, ein Muttersöhnchen mit geheirateter Position, für deren Erhaltung er immerhin Eleganz, Wendigkeit und – Geschmack in die Wagschale zu werfen hat.

So entstehen neue Figuren nach Vorbildern des Romanes, unterstützt durch drei fantastische Musiker – Harfe, Violine und alles Mögliche – im Hintergrund, verstärkt durch hervorragend gesungene Lieder. Die sind, wie die komplette Musik des Abends, von Henning Brand, swingen mitreißend und nehmen stets Bezug auf die Entstehungszeit und die szenischen Vorgänge. In diesem Umfeld erzählt Marlene Anna Schäfer angenehm ungleichmäßig, handelt die Verhandlungen des Generaldirektors sachlich ab, lässt den Buchhalter (uneitel: Stefan Schleue) klug in seiner verbitterten Kleinbürgerlichkeit und bläst ihn nicht zum Sympathieträger auf. Die entflammende Begegnung zwischen dem Baron und der Tänzerin erzählt sie dann aber ganz differenziert, mit Liebe zu jedem Detail. Katharina Dalichau und Hubertus Brandt gestalten die eigene Einsamkeit, das gefühlte Festhängen in einer ausweglosen Existenz – die Tänzerin kann nicht mehr tanzen, den Dieb ekelt das Stehlen – und das routinierte sich-selbst-Belügen bewegend, ohne ins Sentimentale abzudriften. Und öffnen sich glaubhaft dem anderen.

So gerät Vicki Baums Grand Hotel in Neuss wirklich zur Lebensmetapher und offenbart doch jede Menge Zeitbezüge. Wenn Dr. Otternschlag (Jan Kämmerer, schön eckig), der Generaldirektor (Peter Waros, wunderbar geschmeidig) und der Baron sich in kurzem Plausch geradezu atemberaubend zwanglos zur Gertrude Steins „Verlorener Generation“ zusammenfinden oder wenn Teresa Zschernig als asymmetrisch wie eine Praline in Goldfolie verpackte Sekretärin sehr nüchtern zeigt, wie wenig die Welt seinerzeit ambitionierten, kommunikationsstarken Frauen offenstand.

Wenn man also Vicki Baums „Menschen im Hotel“ unbedingt auf die Bühne bringen muss, soll man es gerne machen wie jetzt in Neuss.


 

DREI SIND WIR:
 

"(...) sucht die Inszenierung von Marlene Anna Schäfer nach Bildern, um das innere Erleben der Figuren für das Publikum fühlbar zu machen. Fahles Licht, Wasser auf dem Boden, Texte, die ineinander verweben, miteinander verwachsen, fast dadaistische Silbenspielerei gepaart mit Geräuschen wie das Gekreische der Möwen sorgen für eine stimmige Atmosphäre, die das Fundament bildet für rhythmische, musikalische Dialoge voller Momente des Glücks und dann wider der Verzweiflung.

Es ist wortlastiges Theater, das nicht aus der Aktion, sondern vielmehr aus der Dynamik des Textes, aus der Innerlichkeit dieser gelebten lyrischen Erzählung und vor allem aus der starken Mimik und Gestik der beiden Schauspieler Franziska Beyer und Raphael Westermeier schöpft. Regisseurin Marlene Anna Schäfer offeriert dabei eine angenehme, passende, unaufgeregte Statik und verzichtet auf eine aufgesetzte Dramatisierung.

Das ist alles genau komponiert aufeinander abgestimmt und textlich stark erarbeitet und durchdrungen. Die beiden Protagonisten steigern sich gegenseitig und kosten dabei auch mutig die lange Stille in vielen Szenen aus.

(...) 

Der Inszenierung gelingt es dabei, die Ohnmacht, die Trauer und die Wut mit eindringlichen symbolischen Bildern zu visualisieren und so für einen intensiven, nachwirkenden Theaterabend zu sorgen." (Christoph Hohlbein, Schwarzwälder Bote)

 

„eine sehr (...) genaue Produktion, mit nachdenklichen, zärtlichen, grambeschwerten und auch mal explodierenden Eltern.
Manchmal ist es sehr anrührend und die Verzweiflung der Protagonisten springt über, dies zu vermeiden wäre bei der Thematik auch das größere Kunststück gewesen. Man nimmt es trotzdem gern als gewissen Qualitätsnachweis.“ (Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt)




VALERIE SOLANAS- PRÄSIDENTIN VON AMERIKA:

nachtkritik.de 1. September 2017

Theaterboulevard der Erinnerungen

von Kai Bremer

Angefangen hatte es an selber Stelle freilich weit weniger ausgelassen. Als Eröffnungsstück wurde die deutsche Erstaufführung von Sara Stridsbergs "Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!" gegeben. Es erzählt die Biographie der Radikalfeministin, die heute vielen nur deshalb bekannt ist, weil sie im Juni 1968 drei Schüsse auf Andy Warhol abgab. Stridsbergs Drama psychologisiert wiederholt auf nicht immer unproblematische Weise. Marlene Anna Schäfer konzentriert den Text hingegen überzeugend auf das politische Anliegen Solanas, ohne sich mit ihm gemein zu machen.

Voraussetzung dafür ist neben einigen klugen Strichen zunächst die Bühne von Marina Stefan. In ihrer Mitte türmt sich ein stählernes Treppengerüst in den Bühnenhimmel. Dahinter kann eine große Projektionswand hochgefahren werden, davor eine Gaze-Wand sich senken, auf die ebenfalls projiziert wird. Schäfer nutzt die sich daraus ergebenden vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten mal um Szenen zu doppeln, mal um Dialoge zu distanzieren. So liegt Maria Goldmann als Valerie zu Beginn noch vor dem halbtransparenten Vorhang, während die anderen Darsteller weiter hinten in die Kamera sprechen: Übermächtig groß und fratzenhaft-bedrohlich wölben sich ihre projizierten Gesichter über Valerie.

 

Auch sonst verweigert sich Schäfer entschieden dem Biographismus Stridsbergs. Die Ikonographie der historischen Solanas mit dunklen, kurzen Haaren samt Schiebermütze fehlt. Goldmann trägt zunächst eine Art hellen, seidenen Hausanzug, später ein weißes Tütü-Kleid samt Schwanenhals wie ehedem Björk: die Radikalfeministin als Popstar. Diese Bildsprache wird durch das Spiel von Goldmann wie der anderen Schauspieler ideal unterstützt. Ihr Ausdruck setzt nur selten auf Einfühlung. Vielmehr werden die Motive und politischen Anliegen artikuliert, ohne eine psychologisierende Erklärung zu präsentieren. So entstehen immer wieder neue Szenen, die durch projizierte Ausschnitte aus Solanas SCUM-Manifest ergänzt werden, ohne dazu eine eindeutige Haltung einzunehmen.

Einige Zuschauer lachen zu Beginn noch verlegen, da die Forderung des Manifests zu hören und zu lesen ist, dass alle Männer vernichtet werden sollen. Bald schon aber versteht jeder, wie ernst es Solanas damit war. Schäfers Inszenierung fordert dazu heraus, das nicht gleich als eine radikale Phantasie abzutun, ohne dafür Partei zu ergreifen. Ästhetisch wie politisch herausfordernder kann man ein Festival, das sich in diesem Jahr das Motto "Macht*Spiel*Geschlecht" gegeben hat, kaum eröffnen.

STERBEN HELFEN: 

Theater Heute 2/2017

Karlsruhe: Fröhlichen Todestag
Konstantin Küspert "sterben helfen" (U)
von Cornelia Fiedler

 

(…) Ohne belehrend zu wirken, katapultiert einen der Abend mitten in eine vielschichtige Auseinandersetzung, die längst keine Zukunftsmusik mehr ist. In «sterben helfen» mutiert die Freiheit, selbstbestimmt zu sterben, zur Pflicht, sobald das Leben belastend, unästhetisch und teuer wird. Aber welchen Wert hat so ein Leben? (...)In der spielerisch leichten Regie von Marlene Anna Schäfer kommt darüber ganz sanft die Verunsicherung ins Spiel.

(...)

Als ihre körperlichen Beschwerden immer schlim­mer werden, inszeniert Schäfer nicht Lucys Leiden, das ist die Stärke des Abends, sondern einen frechen, energiestrotzenden Ausbruch aus dem cleanen Setting: Lucy, Thrud und ihr Sohn Bellerophon (Luis Quintana) pfeifen auf die Regeln der Krankheit, der Gesellschaft, des Theaters. Sie stürmen über die Publikumsränge hin­auf zum Mischpult, drücken dort auf den Knöpfen herum und jubeln und prusten bei jeder neuen Lichtstimmung laut los. Da kann sich selbst der Tod ein anerkennendes Lächeln nicht verkneifen

Theater der Zeit, 2/2017

"Ich will nicht sterben"

von Björn Hayer

(...) Was Karlsruhe uns mit diesem Abend bietet, lässt sich jetzt großes Sentiment mit philosophischen Tiefgang beschreiben. Selbst wenn man nicht die ethische Aussage dieses Stückes teilt, ist eine nachvollziehbare Perspektive auf das Problemfeld um würdigest Sterben zu erkennen. Sowohl der Text als auch die Inszenierung Sorgen mit ästhetische Präzision für Ehrlichkeit in der Debatte.

OPUS-Magazin, Elisabeth Maier, 19.12.2016

In seinem brillant komponierten Text schafft der politische Philosoph das Kunststück, dieses existenzielle Thema frei von jeder Moral zu verhandeln. Federleicht setzt Marlene Anna Schäfer das Stück in Szene. Dabei gelingt der Regisseurin mit ihrem großartigen Gespür für die Leichtigkeit auch in schweren Stoffen ein berührendes Plädoyer für das Leben, das auch im Angesicht des Todes so wunderschön sein kann ...

Nicht nur inhaltlich, auch formal ist „Sterben helfen“ ein kleines Meisterstück. Virtuos wechselt Küspert zwischen Dialogen und Erzählpassagen ... Klug reflektiert der Autor so eine faktenreiche Debatte, ohne je ins plakativ Dokumentarische abzurutschen. Mit ihrer tiefgründigen, zugleich aber unbändig spielfreudigen Regie erfasst Schäfer die dunklen Momente ebenso wie die die Unbeschwertheit des Textes ...

Nachtkritik.de 17.12.2016
Elske Brault

​Konstantin Küsperts "Was wäre, wenn"-Versuchsanordnung ist ein simpler, doch starker Text. Seine Uraufführungsregisseurin Marlene Anna Schäfer setzt ihrerseits auf die starken Schauspieler, unterstreicht die dramatischen Passagen nur behutsam (...)

Ein zu Tränen rührender Moment ist ausgerechnet eine wilde Polonaise aller Schauspieler kurz vor Schluss: Singend und tanzend feiern sie da die ungezügelte Schönheit des Augenblicks, und jeder tut es auf seine Weise.

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ÜBER MEINE LEICHE:

Neue Osnabrücker Zeitung

29.10.2016

Christine Adam

"Die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer hat eine luzide Bebilderung für einen komplexen Text mit wechselnden Erzählhaltungen und Textformen gefunden. Ihr kleines Schauspielteam trifft auch ziemlich genau Hornbachs Erzählton: stets leicht liebevoll-mokant, schon mit Abstand zum ersten Schrecken. Doch auch im Witzigen und Galgenhumorigen des Erzählten blitzen jederzeit Wut, Aufbegehren und Angst vor dem Unbekannten auf, zu dem auch der Tod gehört. Die Schauspieler gehen mit einer Frische zu Werke, die das schwere Thema staunenswert leicht macht.

(…)Stück und Inszenierung gelingt es, Tragisch-Schweres leicht und plausibel zu erzählen – großartig.“ 

www.kultura-extra.de, 30.10.2016

Sina-Christin Wilk

"ÜBER MEINE LEICHE ist ein großes Stück Regietheater, das die Komplexität des Gefühlschaos eines vom Schicksal gebeutelten jungen Menschen pointiert und überaus sensibel zu fassen vermag. Mal sarkastisch, mal tragisch-komisch stellt sich die Frage nach einem korrekten Umgang mit der Diagnose. Wenngleich die Darstellung anrührend ist, erscheint sie geradezu unprätentiös und verzichtet auf pathetische Anwandlungen. (…) Dieses Stück ist eine einzigartige Entdeckungsreise, dessen Ziel einzig und allein das Bewusstsein des Werts des Lebens ist – Prädikat wertvoll!“ 

www.nachtkritik.de, 29.10.2016

Kai Bremer

„Immer wieder durchbricht Schäfer die in Hornbachs Text vorhandenen empfindsamen Momente, indem sie eine Bildsprache entwickelt, die den vermeintlichen Fluchtpunkt der Handlung (erliegt Friedrich seiner Erkrankung oder nicht?) wie des Bühnenbilds durchbricht. So friert sie in einer Szene Bauer und Meskendahl, beide quer auf dem Boden liegend, in einer Haltung ein, als würde sie sitzen und er stehen, drehte man die Bühne um 90 Grad. Auf diese Weise ufert die Bildsprache der Inszenierung immer weiter aus und findet so eine Ästhetik, die die Krebserkrankung in Friedrichs Innerem versinnbildlicht." 

​​STÜCK PLASTIK​

Themen der Zeit 3.5.2016
http://www.themen-der-zeit.de/content/Stueck_Plastik.2041.0.html
von Michael Mentzel

(...) Ein glänzendes Ensemble, mit großer schauspielerische Präsenz und wunderbaren Anleihen beim komödiantischen Genre liefert einen amüsanten Abend, der dem richtigen Leben allerdings näher kommt, als man vermuten könnte.

(...)

Wir aber als wissende, aufgeklärte Zuschauer dieses Dramas sitzen und amüsieren uns köstlich über die von Marlene Anna Schäfer in Szene gesetzten Dialoge, die wie Maschinengewehrfeuer daherkommen und an die - wie an einer Perlenkette aufgereihten - Klischees, die eine Menge aussagen über die Befindlichkeiten einer saturierten Gesellschaft. (...)

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​DAS ABSCHIEDSDINNER 

Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | KULTUR | 15.12.2015

​Aperitif der Gehässigkeiten

Französische Komödie „Das Abschiedsdinner“ am Staatstheater Karlsruhe

Andreas Jüttner

(...)Geschickt achtet die Inszenierung von Marlene Anna Schäfer darauf, hier nicht zu überdrehen – irrwitzig genug wird’s dann schon beim Auftritt von Antoine, den Jens Koch mit großartig eingesetzter Körperpräsenz gibt. Wie sein Antoine ungeniert mit einem vollgekotzten Pennermantel aufkreuzt (er hat mit einem Obdachlosen getauscht), wie er zu indischer Popmusik die fülligen Hüften kreisen lässt und immer wieder ungehemmt loswiehert, wie er im Moment der Enthüllung in bedrohliche Regungslosigkeit verfällt, nur um kurz darauf strategisch zurückzuschlagen – das hat Power und Witz. Vor allem, weil Koch seine Rolle auch in peinlichen Momenten nicht preisgibt, sondern Antoine auf seiner Würde beharren lässt. Das macht ihn zur komischen, aber nicht lächerlichen Figur. (...)


 


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GIFT. EINE EHEGESCHICHTE

In: Badische Neueste Nachrichten am 25. November 2014

Von Andreas Jüttner

"(...) Ein Trumpf ist auch, dass die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer die Geduld hat, auch quälende Pausen auszuhalten statt, wie bei "junger Regie" üblich, ständig etwas passieren zu lassen. Gerade dadurch entwickelt sich eine packende Dynamik zwischen lauten und leisen und stummen Szenen, die dazu führt, dass diese scheinbar banalen Dialoge eine fesselnde Natürlichkeit erhalten. Und eine Schlusswendung gibt es auch hier, nur ist es keine auftrumpfende Pointe, sondern ein kleiner Satz, der zunächst eine echte Wiederannäherung des Paares zu ermöglichen scheint, stattdessen aber die erneute Trennung auslöst. Einander verstehen, das ist, wenn überhaupt, nur durch große Arbeit möglich. Dies ganz leicht verständlich zu machen, gehört zur Kunst dieses 75-minütigen Aufführung (...)."




 

​EXIT

Schleichende Erosion

In: Frankfurter Rundschau vom 2. Juni 2014

Von Stefan Michalzik

Alles ist auf den Punkt, vieles komödienhaft pointiert. Das Bemühen um erneute sexuelle Annäherung endet in irrwitzigem Slapstick. Stück wie Regie meiden jedoch die Überspitzung auf geläufige Klischees; sie machen es sich nicht so leicht, die Angelegenheit auf eine grundlegende Unverträglichkeit von Männern und Frauen zurückzuführen. Beide Seiten sind – obgleich guten Willens – außerstande, gegen eine schleichende Erosion anzugehen. Einen minder schmerzhaften Ausweg als die Trennung scheint es nicht zu geben. ...

Es darf viel gelacht werden – in einem nachdenklichen Stück. Zentral ist ein Sofa, man fühlt sich an den Boulevard erinnert. Übers Stadttheater hinaus sollten die gehobenen Bühnen des Fachs findig genug sein, um in dieser fabelhaften Vorlage Zeitgenössisches für sich aufzutun.


 


Modernes Liebesdrama „Exit“ von Fausto Paravidino in Darmstadt

Allgemeiner Zeitung Rhein-Main vom 2. Juni 2014

Von Martin Eich

(...)und freuen uns stattdessen über diesen mediterranen Buchstabensalat, den Regisseurin Marlene Anna Schäfer und Dramaturgin Caroline Zacheiß stilsicher zubereitet haben. (...)

Klingt nach Seifenoper, ist aber vergnügungssteuerpflichtig. Reich an dynamischen Schattierungen und jubelnder Traurigkeit zitiert die Produktion einschlägige Klischees, ohne sie zu diskreditieren oder ins Extrem zu übersteigern. Die aufgeräumte Bühne von Sonia Thorner Vela verstärkt diesen naturalistischen Effekt noch.

(...) Sie alle sind zugleich Spieler wie Erzähler, wenden sich wiederholt direkt ans Publikum, um die Seelenklänge dieser Suchenden zu erklären. Dazwischen italienische Songs und Dialoge, die man nicht verstehen muss, um der Handlung zu folgen, die dem Abend aber eine luftige Aura verleihen. Eine Inszenierung, so leicht und erfrischend wie der Sommerwind in einem toskanischen Küstendorf.


EIN PORTRÄT

Marlene Anna Schäfer feiert mit „Exit“ am Samstag Premiere
In: Darmstädter Echo vom 27. Mai 2014

Von Johannes Breckner

Regie – Drei Jahre hat Marlene Anna Schäfer am Darmstädter Staatstheater assistiert, am Samstag hat sie Premiere mit „Exit“

Seit ihrem Schülerpraktikum in der Requisite wusste Marlene Anna Schäfer (26), dass sie zum Theater will. Inzwischen ist sie Regisseurin – und bringt am Samstag in den Kammerspielen ihre erste große Produktion am Darmstädter Staatstheater heraus.

DARMSTADT.

Ihr Debüt als Regisseurin absolvierte Marlene Anna Schäfer schon in der Schule. Als Leiterin der Theater-AG brachte sie „Emilia Galotti“ auf die Bühne. Die Anerkennung war groß, nur war kein Deutschlehrer auf die Idee gekommen, der Regisseurin zu sagen, dass man Lessing auch kürzen könne. Also dürfte sich am Gymnasium in Schwalmstadt die vollständigste Aufführung des Lessing-Dramas aller Zeiten ereignet haben. Die Theater-AG brauchte dreieinhalb Stunden für den Text. „Aber die Leute sind geblieben“, sagt Schäfer. Eine Ermunterung auf dem Weg zum Theaterberuf.Dass sie diese Richtung einschlagen würde, war schon vorher klar. Als in der neunten Klasse ein Berufspraktikum anstand, kam die Schülerin aus Nordhessen ans Darmstädter Staatstheater. Darmstadt mochte sie schon immer, es ist die Heimat des Vaters, die Besuche bei den Großeltern, das Baden im Woog und auch das Theater: „eine schöne Stadt“, sagt Schäfer entschieden. Beim Theater schnupperte sie in die Arbeit der Requisite hinein, tagsüber Dinge zu basteln, die abends auf der Bühne gebraucht wurden, war eine wunderbare Erfahrung. Dazu trugen auch die Theaterprofis bei: „Wenn man jung ist und offen, wird man herzlich aufgenommen“, hat Schäfer erfahren.

Davon profitierte sie auch nach dem Abi. Eine Hospitanz bei den Bad Hersfelder Festspielen, dann der Umzug nach Berlin, weitere Hospitanzen an der Schaubühne und am Berliner Ensemble, ein Germanistikstudium, das zwei Wochen dauerte – zu viel Theorie, zu wenig Literatur. Später hat sie dann doch noch Literaturwissenschaft studiert und den Abschluss an der Humboldt-Uni gemacht. Und sie hat sich ein Ziel gesetzt: eine Off-Produktion in Berlin mit zwei Schauspielern auf die Beine zu stellen. „Wenn das klappt“, sagte sich Marlene Anna Schäfer, „werde ich Regisseurin.“

PREMIERE

„Exit“ hat am Samstag (31.) um 20 Uhr in den Kammerspielen Darmstadt Premiere, Kartentelefon 06151 2811600.

Ein Job zwischen Pflichten und Chancen

Es klappte. Seit drei Jahren ist sie als Regie-Assistentin am Darmstädter Staatstheater engagiert, sie hat mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Hermann Schein und Michael Helle, Peter Hailer und Malte Kreutzfeldt gearbeitet und von ihnen profitiert. Das Assistenten-Dasein bringt eine Menge unangenehmer Pflichten mit sich, aber auch die Chance, Arbeitsweisen kennenzulernen, sich etwas abzuschauen – und auch zu sehen, wie man es lieber nicht machen will. Jetzt bringt Marlene Anna Schäfer in den Kammerspielen die erste eigene große Produktion heraus, die deutsche Erstaufführung „Exit“ des italienischen Dramatikers Fausto Paravidino, von dem in Darmstadt schon „Die Krankheit der Familie M.“ zu sehen war. Das Stück erzählt vom Ende einer Beziehung, spürt den Beginn des Scheiterns auf, springt zwischen den Zeiten und Erzählhaltungen. Also eine ziemlich vage Angelegenheit? Nein, widerspricht Schäfer entschieden. Es geht in dem Text sehr präzise darum, was stimmen muss, damit eine Beziehung gelingt. Das wird in drei Teilen erkundet; „innere Angelegenheiten“ macht mit dem Paar bekannt, in „äußere Angelegenheiten“ kommen zwei weitere Figuren hinzu und treten in unterschiedliche Interaktionen, der letzte Teil „Europa“ versammelt das Quartett an einem Tisch.

Das Stück sät Hoffnungen und erfüllt sie nicht, es bietet keine Lösung, und eigentlich ist es sehr traurig, sagt Schäfer. Aber es gibt auch Dialoge, über die man schmunzeln kann.

István Vincze und Gabriele Drechsel spielen in Darmstadt das Paar, Katharina Hintzen und Matthias Kleinert kommen hinzu. Ein tolles Ensemble, weiß Schäfer, die im Gespräch mit den Schauspielern dem Text sehr intensiv nahegekommen ist. „Man darf als Regisseurin ja nicht nur mit einem eigenen Plan kommen und ihn anderen überstülpen. Man muss auch den Mut haben, etwas anderes zuzulassen.“ Sie weiß aber auch, dass die gemeinsame Arbeit an einem Text ein sensibler und intimer Vorgang sein kann, der einen geschützten Raum und unbedingte Loyalität aller Teilnehmer voraussetzt. Mit dieser Erfahrung geht Schäfer in der nächsten Spielzeit ans Staatstheater Karlsruhe – und findet dort in Lot Vekemans Erfolgsstück „Gift“ gleich eine starke Herausforderung.

Irgendwann will Marlene Anna Schäfer auch wieder Lessing inszenieren. Sie weiß ja jetzt, dass man ihn auch kürzen kann.


 


AFRICAN QUEEN

Im Dschungel der Gefühle

In: Frankfurter Neue Presse vom 12.02.2014

Joachim Schreiner

Heldentum und Nationalismus sind die charakterisierenden Stichwörter, welche diese spannungsgeladene Beziehungskomödie und ergreifende Liebesgeschichte auszeichnen. Schäfer hat einige schöne Ideen eingebracht, um diese (Kriegs-)Abenteuergeschichte noch aufregender zu machen.

(...)

Diese kammerspielartige Inszenierung überzeugt durch Sprachwitz, fantasievolle und tableauhafte Bilder sowie das darstellerische Engagement des Schauspieler-Trios. Ein kleiner, 85-minütiger Theaterspaß abseits des großen Spielbetriebs eines Staatstheaters.


 

GIRLSNIGHTOUT 

WAS ZIEH´ICH NUR AN?

GIRLSNIGHTOUT IM THEATER LANDUNGSBRÜCKEN

in: FAZ, 15. Mai 2013

Christoph Schütte

Natürlich ist das eine Zumutung: Ein Stück, das im ersten Teil drei Mädchen

und im zweiten drei Frauen auf die Bühne stellt, aber sonst nicht viel.

Keine Figuren und Dialoge, keine Handlung und dramatische Entwicklung,

keine Zeit und keinen Ort und keinerlei Regieanweisung. Nichts.

(...) Marie Helene Anschütz und Marlene Anna Schäfer,

die das 1999 uraufgeführte Erfolgsstück jetzt am Frankfurter Theater

Landungsbrücken inszeniert haben, haben das offenbar gespürt und machen

couragiert das Beste daraus, indem sie die Zumutung als Chance begreifen

und mit den Bildern und dem Sound der eigenen Jugend füllen.

Mit viel Musik, Gesang und rührenden Playbackeinlagen, mit Haarbürsten als Mikro

und Choreographien, wie sie Kinder vor dem Spiegel einstudieren, trotzen sie

der fehlenden Substanz.